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Osteueropa - Sicheres Konvergenzspiel oder russisches Roulette? PDF Drucken E-Mail

Am 12.10.2001, Gästehaus Petersberg

Petersberger Treffen 2001

Die Osterweiterung der Europäischen Union ist beschlossene Sache. Ein halbes Dutzend Staaten macht sich Hoffnung auf einen baldigen EU-Beitritt. Polen, Tschechien und Ungarn dürften in der ersten Welle dazugehören.

Mit der Angleichung der volkswirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen nähern sich auch die Bewertungen an den Kapitalmärkten dem westeuropäischen Niveau. Dieser Konvergenz-Prozeß bietet, wie früher bei anderen EU-Beitritten, beste Chancen auf Kursgewinne. Dabei stellt sich die Frage, in wieweit der Konvergenz-Effekt unter Umständen schon eingepreist ist.

Wie sehen die Chancen und Risiken in Rußland aus? Lassen die unsicheren Rahmenbedingungen dort nicht jedes Investment wie russisches Roulette erscheinen?

Die aktuellen Perspektiven an den osteuropäischen Aktienmärkten stehen im Mittelpunkt des II. Petersberger Treffens in diesem Jahr.

Mit folgenden Gästen

Jürgen Kirsch von Griffin Capital Management
Klaus Bockstaller von Baring Asset Management
Jury Ostrowsky von Pictet Asset Management
Dr. Mark Mobius von Franklin Templeton im exklusiven Videobericht
Hans Berndt ein Aufsichtsratmitglied der lettischen Parex-Bank

konnten auch zu diesem Thema Spitzenfondsmanager als Referenten gewonnen werden.

Petersberger Treffen 2001

Einmal mehr läßt die hochkarätige Diskussionsrunde im Anschluß an die Vorträge einen aufschlußreichen Abend mit wichtigen Impulsen für die eigene Meinungsbildung erwarten.

Bereits zum dritten Mal richtete kürzlich die Firma Drescher & Cie, Gesellschaft für Wirtschafts- und Finanzinformationen mbH, das "Petersberger Treffen" aus. Drescher & Cie ist bekannt als Redaktion der Fondsbriefe "Fonds Scout" und "Fonds im Visier". Das Konzept der "Petersberger Treffen", einen ausgewählten Investitions-Sektor, eine Region und/oder ein Thema in den Mittelpunkt des Seminars zu stellen und mit ausgewählten Fondsmanagern unabhängig von Vertriebsinteressen zum Thema zu diskutieren, findet großen Anklang.

Die Fondsmanager Jürgen Kirsch (Griffin Capital Management), Klaus Bockstaller (Baring Asset Management) und Jury Ostrowsky (Pictet Funds) diskutierten im Anschluß an ihre Kurzvorträge, unter dem provokant formulierten Motto "sicheres Konvergenzspiel oder russisches Roulette?" mit Gastgeber und Moderator Björn Drescher, Hans Berndt (Aufsichtsratmitglied der lettischen Parex-Bank) und dem Publikum. Dabei ließen die Fragen den Osteuropa-Spezialisten keinen Spielraum für "Floskeln" oder "Phrasen". Abgerundet wurde die Veranstaltung durch die Markteinschätzungen von Herrn Dr. Mark Mobius, Emerging Market Experte aus dem Hause Franklin Templeton Investments, der sich mittels Video an die Zuschauer wandte.

Um das Thema näher einzukreisen widmete man sich zunächst einmal zwei Definitionsfragen: Wie läßt sich Osteuropa geografisch eingrenzen und handelt es sich bei den genannten Staaten eigentlich um "Emerging-Markets" im gebräuchlichen Sinn des Wortes?

Resultat: Osteuropa umfaßt, zumindest für die anwesenden Fondsmanager die Länder Zentraleuropas, wie z.B. Polen, Ungarn, Rumänien, Tschechei und Slowakei (im Westen durch die EU abgegrenzt), reicht im Norden bis zum Baltikum (Lettland, Estland, Litauen), beinhaltet im Osten Rußland und kann im Süden, spricht man von "Emerging Europe" auch Griechenland und die Türkei integrieren. Investments in den zuletzt genannten Staaten werden jedoch zumeist nur dann getätigt, wenn sie besonderes Potential bieten und werden nicht dem eigentlichen Kern-Osteuropa zugerechnet.

Der Begriff Emerging Markets meint traditionell jene Länder, die sich auf dem Sprung vom Entwicklungsland zur Industrienation befinden. Diese Definition würden die drei Fondsmanager für alle Staaten Kern-Osteuropas als zutreffend empfinden. Allerdings teilt man die Einschätzung, daß sich weiter östlich und südöstlich des beschriebenen Universums mehrere Staaten befinden, die auch auf Jahre hinaus "Countries, we will never invest" bleiben werden. Wenn Osteuropa-Fonds folglich Positionen außerhalb der geschilderten Grenzen aufbauen, muß nach Ansicht der Spezialisten die Produktwahrheit und -klarheit zumindest in Frage gestellt werden. So z.B. dann, wenn sich in Osteuropa-Fonds größere Aktienpositionen aus West-Europa befinden, speziell in der Vergangenheit österreich. Hier läßt sich zwar immer argumentieren, daß diese Unternehmen den überwiegenden Teil ihres Geschäfts in Osteuropa abwickeln, aber die Grenzen verschwimmen. Investments dieser Art dienen meist als weniger volatile Ausweichmärkte in Krisenzeiten. Weisen die Osteuropa-Fonds in ihren regionalen Gewichtungen übrigens US-Anteile aus, sind dies meistens sogenannte ADRs. Hierbei handelt es sich quasi um "Ersatz-Papiere" für Aktien, die sonst nur lokal in Rußland gehandelt werden und von bestimmten Depotbanken ohne russische Handelslizenz nicht direkt erworben werden können.

Die Konvergenz-Effekte sind schon erkennbar, haben sich allerdings auf die Performance der Aktienmärkte noch nicht stark ausgewirkt. Die Fondsmanager zeigen sich überzeugt, daß die Bestrebung der zentraleuropäischen Staaten der EU beizutreten, zu einer ähnlichen Entwicklung wie in der Vergangenheit in Portugal und Griechenland führen wird. Die Anstrebung der Konvergenzkriterien, zunächst der "Kopenhagener", später der "Maastrichter" führt bei sinkenden Zinsen und abnehmender Staatsverschuldung zu einem optimalen Nährboden für steigende Aktienkurse. In den letzten Monaten ist dieser Prozeß, so Bockstaller und Kirsch, zwar gleichsam zum Stehen gekommen, er wird sich jedoch in der nächsten Zeit fortsetzen. Gerade deshalb halten sie den aktuellen Investitionszeitpunkt unter anderem für gut geeignet. Somit stellt sich weniger die Frage ob man am Konvergenz-Prozeß profitieren kann, sondern vielmehr wann?

Die Depots der Fonds basieren aktuell auf zwei starken Blöcken. Sie bestehen zum einen aus Aktien der Staaten, auf die sich die Kovergenz-Bestrebungen auswirken, zum anderen aus russischen Titeln. Dieser Teil der Portfolios wird zumeist von Rohstoffwerten, wie den großen öl- und Gas-Firmen beherrscht, beschränkt sich jedoch nicht auf sie. In Präsident Putin sehen die Fondsmanager endlich einen Garanten für politische Stabilität und einen wirtschaftlichen Neuanfang. Seine Reformen, wie die auf 13% abgesenkte Einkommenssteuer schaffen Vertrauen gegenüber dem System und stehen für Berechenbarkeit des zukünftigen wirtschaftlichen Umfelds. Auch der Staatshaushalt macht einen robusten Eindruck. Seine Stabilität, und damit unter anderem die Gehälter der Staatsbediensteten, sind nur dann in Gefahr, wenn der ölpreis deutlich unter 20 US-Dollar fällt. Das wird jedoch in absehbarer Zeit nicht erwartet. Auf die Kriminalität, Korruption und den Filz der Oligarchen angesprochen, winden sich die Fondsmanager zunächst etwas, verweisen dann aus der Reserve gelockt, darauf, daß Korruption auch an etablierten Märkten eine Rolle spielt, in Osteuropa aber eine besondere. Wenn man diese "Kräfte" als Teil des Systems zu verstehen und zu nutzen lernt, stellen sie jedoch kein "größeres" Problem dar.

Natürlich bedarf es Generationen, um von einer erlernten Mentalität der Planwirtschaft auf Marktwirtschaft umzustellen. Der im Zeitalter der Globalisierung immer schneller ablaufende Prozeß der Integration in die Weltwirtschaft schafft jedoch in Osteuropa ein Investitionsklima, daß von Tag zu Tag attraktiver erscheint. Daran ändern auch ethnische Schwierigkeiten an den Süd-Ost Grenzen Rußlands, eine starke Abhängigkeit von den Rohstoffpreisen und andere Faktoren nichts. Längst sind vielversprechende Softwarehäuser und Dienstleister an der russischen Börse notiert, die attraktiver erscheinen, als mancher Klassiker in den USA oder Europa. Vor allem sind sie häufig billiger. Hier gibt es noch Unternehmen mit einstelligen KGV`s.

Petersberger Treffen 2001

Osteuropa ist und bleibt eine interessante Depotbeimischung, nicht mehr und nicht weniger. Hier erkaufen sich Anleger in den nächsten Jahren um den Preis eines größeren Risikos die Chance auf einen durchschnittlich höheren Rendite-Ertrag, als in den etablierten Märkten Westeuropas, die mit den osteuropäischen Wachstumsraten wahrscheinlich nicht Schritt halten können.

Es wird, wie die Vergangenheit gezeigt hat, darauf ankommen nach Phasen überdurchschnittlich guter Börsenentwicklung die Gewinne zu realisieren und ggf. zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu investieren. Eine reine "Buy and Hold-Strategie" scheint nicht angeraten. Wer die ältesten Osteuropa-Fonds vor 10 Jahren kaufte, hat bis heute kein Geld verdienen können. Wer 1995 Anteile am Mercury Eastern European Fund erwarb und kurz vor dem Zenit und Kirschs Ausstieg in 1997 veräußerte, gewann über 400%. Erwarb er Kirschs neuen Fonds, Griffin Eastern European Fund, nach dem Crash an den osteuropäischen Börsen erneut, verdiente er von Oktober 1998 bis heute weitere 140%.

Osteuropa-Fonds sind mit Unberechenbarkeiten belastete Depotbeimischungen. Sie stellen jedoch eine der nächsten großen Chancen dar und empfehlen sich Investoren, die mit diesen wirtschaftlichen und politischen Variablen ruhig schlafen können.