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| Neuer Markt Comeback - oder Exitus? |
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Am 13.06.2001, Gästehaus Petersberg
Schon im Oktober 1999 waren die Chancen und Risiken des Neuen Marktes Thema des Petersberger Treffens. Mit Fondsmanager Karl Fickel und Börsenbrief-Herausgeber Hans A. Bernecker prallten damals unterschiedliche Einschätzungen aufeinander. Die Spekulationsblase am Neuen Markt hatte ihren Höhepunkt längst noch nicht erreicht. Nach einem weiteren halben Jahr überschäumender Euphorie begann im März 2000 ein Absturz, der in der Börsengeschichte seines gleichen sucht. Nicht nur Milliardenwerte, auch das Renommee des Neuen Marktes wurde vernichtet. Die Aktienkultur hat großen Schaden genommen. Um so mehr stellt sich heute die Frage, wie es weitergeht. Versinkt der Neue Markt in der Bedeutungslosigkeit oder steht er vor einem glorreichen Comeback? Bieten sich jetzt endlich wieder gute Investment-Chancen? Die folgenden Gäste Hans A. Bernecker, Bernecker & Cie, Börsenbrief-Verleger konnten wir als Diskussionspartner gewinnen. Was war 1999?: Die Standpunkte der beiden Gastreferenten damals, dem Fondsmanager Karl Fickel und dem Börsenbrief-Verleger Hans A. Bernecker, konnten kaum unterschiedlicher sein. Während Bernecker auf die Spekulationsblase hinwies, die sich deutlich an der übertriebenen Marktkapitalisierung zeige und Kurshalbierungen voraussagte, lobte Fickel die Qualitäten vieler einzelner Unternehmen und ihrer Führung. Vor diesem Hintergrund erwartete er weitere Kurssteigerungen und prophezeite diesen Unternehmen und dem Neuen Markt langfristig Erfolg. An Aktien wie Aixtron und Qiagen schieden sich die Geister. Wer hat nun Recht behalten? Beispiel Aixtron: Das Aachener Unternehmen brachte es damals auf eine Marktkapitalisierung von 1,6 Mrd. Euro, Qiagen auf fast ebensoviel, nämlich 1,58 Mrd. Euro. Schon viel zu viel, in den Augen des einen; für den anderen dagegen Aktien, die er in seinem Fonds übergewichtet hatte. Ein halbes Jahr später, der erste Rutsch am Neuen Markt hatte bereits stattgefunden, lag die Marktkapitalisierung von Qiagen um 280% höher, nämlich bei 6,0 Mrd. Euro. Bis März 2001 Jahres halbierte sich der Wert von Qiagen tatsächlich auf 2,9 Mrd. Euro, was aber immer noch fast das Doppelte vom Wert im Oktober 1999 ist. Jetzt, bei Redaktionsschluß, ist Qiagen sogar schon wieder über 4 Mrd. Euro wert. Und Aixtron wird von der Börse aktuell mit 2,7 Mrd. Euro bewertet, also gut zwei Drittel mehr als zum Zeitpunkt des Petersberger Treffens 1999. Wenn man fragt, wer Recht behalten hat, muss man wohl antworten: Wer dem Rat Fickels folgte und qualitativ gute Werte am Neuen Markt oder den von ihm gemanagten Fonds kaufte, konnte das eingesetzte Kapital binnen weniger Monate tatsächlich verdoppeln. Wer den Rat Berneckers beherzigte, ersparte sich den anschließenden Absturz. Chancen und Risiken, das hat das Petersberger Treffen 1999 gezeigt, liegen am Neuen Markt dicht beieinander. Die Realität hat die Prognosen beider Experten bestätigt. 2001 - Neuer Markt: Täter, Opfer und Getriebene
Die Verluste scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Immer neue Hiobsbotschaften belasten die Aktien. Und selten ist es mit wenigen Prozent Kursrückgang getan; hohe zweistellige Kurseinbrüche bei Einzelwerten sind keine Ausnahme. Und es trifft keineswegs nur wenige Unternehmen mit fragwürdigen Geschäftsmodellen, sondern auch profitable Vorzeigewerte, die zu Markt- und Technologieführern zählen. Der Blick auf die NEMAX-Indizes zeigt, dass das ganze Marktsegment in Ungnade gefallen ist. Auch die einschlägigen Investmentfonds konnten sich der Talfahrt der Kurse nicht entziehen. Entsprechend groß war das Interesse am Petersberger Treffen 2001, das der Veranstalter, die Beratungsgesellschaft Drescher & Cie, mit der Frage "Neuer Markt - Comeback oder Exitus?" überschrieben hatte. Neben Karl Fickel, der inzwischen den "Lupus alpha Neue Märkte Plus" managt, wurde das Lager der Fondsmanager durch Jochen Mathée von Invesco und Guido Schickentanz von der Julius Bär Kapitalanlagegesellschaft verstärkt. Der Frankfurter Ableger der Schweizer Privatbank Julius Bär hatte unter dem erst kürzlich entlassenen Star-Fondsmanager Kurt Ochner zahlreiche Mandate zum Management für Neue-Markt-Fonds erhalten. Dass Ochner große Positionen sehr enger Neuer-Markt-Aktien in "seinen" Fonds ansammelte, wurde schließlich zum Problem. Schickentanz strukturiert das Fondsvermögen jetzt wieder konventioneller. Inzwischen sind Nemax-Schwergewichte wie Aixtron und Qiagen unter den größten Vermögenspositionen zu finden. Auf direkte Fragen zum "Fall Ochner" und der Personalpolitik in seinem Hause wollte Schickentanz verständlicherweise nicht eingehen. Viel Beifall erhielt dagegen Karl Fickel für seine sehr ehrliche Erklärung der Geschehnisse am Neuen Markt: Alle handelnden Personen seien "Täter, Opfer und Getriebene" gewesen: Täter, weil sie z.T. sehenden Auges die Zuspitzung der Kursrallye mitgetragen haben, weil man in der Phase der Euphorie unterlassen habe, kritisch nachzufragen, mehr den Visionen gefolgt sei, als nüchtern auf die Zahlen zu schauen. So habe man beispielsweise auch bei EM.TV viel zu lange an den Aufstieg des Unternehmens geglaubt, während eine Bewertung des Controllings viel früher Zweifel hätte aufkommen lassen müssen. Opfer sind all jene geworden, die allen Aussagen und Beteuerungen unkritisch geglaubt haben. Die meisten Planungen erwiesen sich als überzogen, zum Teil aber wurde regelrecht gelogen und betrogen. Gesetzesverstöße und Regelwidrigkeiten erschütterten das Vertrauen bis in die Grundfesten. Die meisten dürften aber „Getriebene“ gewesen sein: Anleger, getrieben von der Erwartung hoher Gewinne, Banken und Emissionshäuser, getrieben von hohen Provisionen, Fondsmanager, getrieben von Millionenbeträgen, die ihnen täglich zuflossen, und alle profitierten, solange die "Geldmaschine Neuer Markt" funktionierte. Damit lagen die Einschätzungen schließlich viel dichter beieinander als vor anderthalb Jahren, als sich das Petersberger Treffen ebenfalls mit dem Neuen Markt beschäftigt hatte.
Börsenbrief-Verleger Hans A. Bernecker konnte sich in seiner Skepsis und seinen Warnungen bestätigt fühlen. Er schöpfte aus seiner langen Börsenerfahrung, fand Parallelen zu früheren übertreibungsphasen und warb vor allem für eine realistischere Blickweise. Tatsächlich sei Unternehmen mit entsprechend guten Perspektiven eine Wachstumsprämie zuzugestehen. Inzwischen sei ein Niveau erreicht, auf dem sich vernünftig bewertete Aktien fänden. Die übereinstimmung zwischen ihm und den Fondsmanagern reichte sogar bis hin zu einzelnen Aktien, die positiv zu bewerten seien. Auch wenn das Ende viele Unternehmen und ihre Aktien schon ereilt habe oder noch ereilen werde, insgesamt, da bestand Einigkeit, stehe der Neue Markt nicht vor seinem Exitus. Das Comeback sei nur eine Frage der Zeit. |