Tacheles 2010 PDF Drucken E-Mail
Das Investmentgespräch

Petersberg, 18. November 2010

Tacheles 2010

Unter diesem Motto hatte das Team von Drescher&Cie am 18. November auf den Petersberg in das Steigenberger Grandhotel geladen. Rund 160 Gäste waren zur Diskussion und dem anschließenden Galadiner erschienen und wohnten der Premiere des Formats bei. Getreu dem Motto "Tacheles" diskutierten Vertreter der Fondsindustrie, der Medien und der Politik in der von Raimund Brichta moderierten Runde kontrovers über die Verfassung der Investmentindustrie, das Anlegerverhalten, die Regulierungsvorhaben der Politik und die Rolle der Medien.

Vertreten wurden die Marktintermediäre durch den ehemaligen Bundesfinanzminister Hans Eichel, den für das Investmentwesen im Finanzministerium zuständigen Ministerialrat Uwe Wewel, den Bundesgeschäftsführer des BVI Thomas Richter, den Journalisten Egon Wachtendorf, Hartmut Petersmann, Mitglied des Partnerkreises des Bankhauses Metzler und den Gastgeber Björn Drescher.

Will man die Verfassung der Investmentindustrie anhand der Diskussion beurteilen, ist sie zumindest als "angeschlagen" zu bezeichnen und von einem Vertrauensverlust auf breiter Front geprägt. Rückläufige Zahlen der Fondsbesitzer in den vergangenen Jahren mögen in diesem Zusammenhang ebenso als Indikator dienen, wie die jüngste Studie des Allensbacher Instituts, die belegt, dass seit der Finanzkrise jeder fünfte berufstätige Deutsche seine finanzielle Altersvorsorge gekürzt oder aufgelöst hat. In einem Punkt waren sich die Diskussionspartner dabei völlig einig: das Verhältnis zwischen den Anlegern und der Finanzindustrie im Allgemeinen und der Investmentbranche im Speziellen ist derzeit gestört. Lehmann Brothers, Madoff und die Griechenlandkrise haben ihre Spuren hinterlassen. Die Verbraucher sind nicht nur hinsichtlich der Stabilität des Weltfinanzsystems verunsichert, sondern zweifeln angesichts der Wertverluste und der eingeschränkten Verfügbarkeit mehrerer Geldmarkt- und Immobilienfonds auch an der Produktwahrheit und –klarheit.

Während hinsichtlich der Diagnose des Zustands Konsens bestand, gingen die Meinungen der Diskussionspartner bei der Ursachenforschung und dem Ausblick auf das, was zur Verbesserung der Situation erforderlich ist, weit auseinander. Verantwortung für Missstände in der Finanzindustrie wollte keiner der Gesprächspartner für seinen Berufsstand direkt oder zumindest nicht pauschal übernehmen. Vielmehr wurde auf die Marktentwicklungen und Kettenreaktionen verwiesen, welche die Branche, wie Thomas Richter erklärte, wie ein Tsunami getroffen haben. Dabei sei die Fondsindustrie, laut Richter "in Sippenhaft genommen worden und habe der Absatz der Fonds unter den Fehlern anderer gelitten".

Ebenso wies Egon Wachtendorf Kritik an der Berichterstattung der Medien zurück, die das prozyklische Anlageverhalten der Anleger verstärkt haben könnte und attestierte seiner Zunft ein verantwortungsvolles Verhalten. Die Politik sieht sich, wie Hans Eichel erklärte, als der Not gehorchenden Retter in der Krise. Er wies allerdings auch darauf hin, dass Schutzschirme der gesehenen Art die Ausnahme darstellen und für weitere Hilfsaktionen dieser Art schlicht die Mittel fehlen.

Was ist zu tun?
Mehr Transparenz, mehr Aufklärung, mehr Vertrauen. In diesen Punkten war man sich einig. Was allerdings im Detail zu tun ist, blieb eine Frage der Perspektive. So forderte beispielsweise Uwe Wewel eine stärkere Regulierung institutioneller Anleger, die in der Finanzkrise oft hektischer und unvernünftiger  als die privaten Investoren gehandelt und dabei in seinen Augen viele Probleme verschärft hätten. Dass man in diesem Punkt nicht schon viel weiter sei, führte er vor allem auf den Widerstand der Lobbyisten zurück. Die Gegenwehr zu diesen Thesen ließ nicht lange auf sich warten. Von unsensibler Überregulierung war die Rede bei Hartmut Petersmann und Thomas Richter und von richtiger Intention, die allerdings handwerkliche Fehler in der Umsetzung zeige. Beispielhaft wurde hier über die neuen Rahmenbedingungen der offenen Immobilienfonds oder auch die Protokollpflicht für WpHG-Institute gesprochen.

Hans Eichel verwies im Anschluss auf die Notwendigkeit eines intakten Vertrauensverhältnisses zwischen Anlegern und Beratern und forderte insbesondere mehr Transparenz hinsichtlich der Vergütung der Berater. An dieser Stelle ging es Eichel wohl gemerkt nicht um ein Plädoyer für die Honorarberatung, sondern um eine grundsätzliche Kosten- und Gebührentransparenz. "Die Art der Vergütung sagt nichts über die Qualität der Beratung aus. Der Kunde sollte aber wissen, was der Berater an ihm verdient", erklärte Eichel.

Eine Schlüsselfunktion sprachen die Diskussionspartner auch der "Aktienkultur" zu, von der die Deutschen noch "Lichtjahre" entfernt seien, wie es hieß. "Wir brauchen die Aktie und das müssen wir den Anlegern besser vermitteln", erklärte beispielsweise Richter. Und Eichel bemängelte: "Durch den Computerhandel ist die Aktie für viele doch nur noch ein bloßes Handelspapier. Man müsse sich doch  nicht wundern, dass immer weniger Deutsche Miteigentümer eines Unternehmens sein wollten. Die Anleger müßten an dieser Stelle besser aufgeklärt werden". "Der Staat aber auch!" konterte Björn Drescher an dieser Stelle und verwies auf die unrühmliche Rolle beim Börsengang der Telekom, die,  wie er sagte organisierten Klumpenrisiken der Renten in den Deckungsstöcken der Versicherer, denen die Stresstests der BaFin Handschellen anlegen würden und die Werbekampagne für Bundesanleihen mit "Günter Schild", die er sogar als "Volksverdummung" bezeichnete. Obendrein stelle sich die Frage, ob der Staat eine solche Werbekampagne, in der er als Wettbewerber zum Einlagengeschäft der Banken auftrete, auch noch mit Steuergeldern finanzieren solle.

Hartmut Petersmann spielte schließlich auch auf die Rolle des Anlegers an, der zwar vor Fehlberatung, aber auch vor sich selbst, insbesondere seiner Gier und seinem prozyklischen Verhalten geschützt werden müsse. Kritik an der ebenfalls prozyklischen Produktpolitik der Investmentgesellschaften, welche die Wünsche ihrer Anleger nur zu bereitwillig bedienen, ließ er indes gelten.

Wollte man ein Fazit aus der Veranstaltung ziehen, so war am Ende doch so etwas wie eine Aufbruchstimmung zu spüren und ein Tenor, der wie folgt klang: Es ist keineswegs alles hoffnungslos, es bedarf vor allem einer besseren Aufklärung und Information. Gute Berater und bessere Erfahrungen sind dabei der Schlüssel zum Erfolg. Die Vermittler müssen sich wieder mehr als Dienstleister im klassischen Sinne verstehen und der Staat seiner Aufsichtspflicht und Kontrolle nachkommen ohne in unnötiger Weise die Marktteilnehmer zu gängeln. Und die Anleger sollten schließlich das Kind nicht mit dem Bade ausschütten und sich über Sparpläne und vermögensverwaltende Fonds, welche die Risiken verteilen, wieder an eine an Sachwerten orientierte Vermögensanlage heranwagen.

Teilnehmer:

  • Hans Eichel, Bundesfinanzminister a.D.
  • Hartmut Petersmann, Mitglied des Partnerkreises Bankhaus Metzler
  • Thomas Richter, Mitglied der Geschäftsführung Bundesverband Investment und Assetmanagement e.V.
  • Egon Wachtendorf, Chefredakteuer "Der Fonds"
  • Uwe Wewel, Ministerialrat, Referatsleiter Investmentwesen im Bundesministerium der Finanzen
  • Björn Drescher, Geschäftsführer Drescher&Cie GmbH
  • Moderation: Raimund Brichta, Redaktion n-tv Telebörse